UK Story

Fotoreise UK

Motorrad und Foto

Ab auf die Insel

Irgendwann wird es unbefriedigend, das eigene Land mit dem Motorrad zu bereisen, die Alpen, den Harz, das Erzgebirge.

Spätestens dann fängt man an, von den großen, weit entfernten Zielen zu träumen. Gern genommen werden dabei Norwegen und Schottland. Neuerdings fahren ja auch sehr viele Menschen mit dem Motorrad durch Afrika, den Wegen des Herrn Simon folgend.

Das United Kingdom begeisterte mich schon immer, wahrscheinlich weil sie so sagenumwoben ist, vielleicht auch weil mein Freund seit einiger Zeit dort wohnte.

In der Nacht vor Reisebeginn schloss ich kein Auge, die Aufregung war zu groß. Nun war es sinnlos, noch länger im Bett liegen zu bleiben, um auf den ersten Sonnenstrahl zu warten, denn der Regen sollte, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, ein dauerhafter Reisebegleiter sein.

Mein Motorrad war bereits eine Woche vor der Abfahrt bepackt und zum Start bereit. So schlüpfte ich nur schnell in meine Regenkleidung und sprang auf das gute Stück.

Und so rollte ich auf die Insel zu. Nach unzähligen Stunden der Autobahnfahrt, durch Deutschland, die Niederlande, Belgien und Frankreich, erreichte ich sie auch.

Nach einer angenehmen Überfahrt über den Ärmelkanal und völlig übermüdet, konnte ich fast sagen, dass ich es geschafft hatte.

Die XT sprang nach mehrmaligem Kicken an. Übrigens war das jedes Mal ein Spektakel für alle die mir zusahen. Auch wenn ich nach einer Pause fror, brauchte ich mir keine Gedanken zu machen. Eines war nämlich sicher, beim Starten des Mulis würde mir warm werden. Vor dem zehnten Kick passierte nie wirklich etwas. Aber sie fuhr immer, bis dahin jedenfalls.

Nachdem ich mich durch das Labyrinth des Hafens Dover gefunden hatte, sah ich meinen besten Freund schon stehen. Mir wurde plötzlich warm ums Herz, ich fühlte mich, wie ein verloren geglaubter Sohn, der nach Jahren des Verschwundenseins in seine Heimat zurückkehrt.

Wir beide fielen uns in die Arme, uns standen die Tränen in den Augen. Die spontane Entscheidung meines Freundes mich an der Fähre abzuholen, hatte mich schon auf der Fähre so gerührt, dass ich alle Strapazen vergaß. Unsere Emotionen überschlugen sich, es fiel keinem von uns beiden leicht einen kühlen Kopf zu bewahren. Von Dover bis zum Haus meines Freundes waren es noch etwa 2 Stunden Fahrt. Schnell wurde uns das bewusst, es war früh am Morgen. Es war neblig. Es war kalt.

Das alles waren Zutaten für eine ungemütliche Fahrt, bedenkt man auch, dass ich bereits 1000 km in den Knochen hatte. Mein Nacken schmerzte, meine Schultern spürte ich schon nicht mehr, von meinem Rücken will ich nicht sprechen.

Ich könnte ein ganzes Buch der Schmerzbeschreibung für meinen Allerwertesten schreiben. Hier fasse ich es in einem Wort zusammen, Hölle. Ich hatte nicht das Gefühl noch auf meinem Hintern zu sitzen, es glich eher dem Nadelkissen eines Fakirs oder dem Sprung ins Meer, aus einem Passagierflugzeug in zehntausend Meter Höhe.

Der Nebel und die Kalte Luft verbesserten die Fahrt nicht, sie lenkten höchstens von meinem Hintern ab. Das Visier beschlug und ich konnte so die klare englische Luft genießen.

Mein Körper gab irgendwann auf, was half es auch, hier irgendwo auf dem Motorway anzuhalten, hatte wenig Sinn. Da konnte die Devise nur „durchhalten“ heißen.

Gegen 4:30 Uhr Ortszeit waren wir bei meinem Freund. Das geschundene Muli schob ich in dessen Garage. Ich streichelte es ein letztes Mal und ging ins Haus.

Wir tranken, völlig fertig, wie wir waren, noch ein letztes Bier. Aus mir sprudelten förmlich die Worte. Wir hatten uns ewig nicht gesehen, nur miteinander telefoniert und Emails geschrieben. Nun war ich da, wir beide konnten es noch nicht so recht fassen.

Die Müdigkeit überfiel uns wie eine Bande Räuber.

Ich fiel ins Bett und schlief im selben Augenblick ein. Ich schlief so tief, so tief, wie man nur schlafen kann. Ich war so erschöpft, dass ich nicht einmal träumte. Ich war nur ein Schlafender, ein Stein.

Was ich vergessen hatte, war die Freundlichkeit meines Freundes. Schon nach 5 Stunden schlaf, weckte er mich mit Pauken und Trompeten. „Aufstehen, Augen reiben, nicht mehr länger liegen bleiben, weil der neue Tag keine Trauerklöße mag!“

Danke auch, dachte ich bei mir. Mir wich nur ein „lass mich in Ruhe du Arsch“ über die Lippen. Die Hartnäckigkeit meines Freundes allerdings hatte ich unterschätzt.

Zuerst folgte das Aufziehen der Fenstervorhänge. Danach beglückte er mich mit frischer Morgenluft, um mich abschließend meiner Bettdecke zu entledigen. Toller Freund.

Hilflos schlappte ich zum Frühstückstisch, wo bereits englisches Frühstück auf mich wartete, mit Schinken und Eiern.

Anfänglich fiel es mir schwer, etwas zu mir zu nehmen, da ich noch nicht wirklich realisiert hatte, wo ich mich befand. Der erste Schluck Kaffee änderte daran nichts. Nach etwa 10 Minuten Redeschwall meines Freundes begriff mein Gehirn, dass ich nicht schlief und entschloss sich, eine Lebensstufe höher zu schalten.

Das Frühstück schmeckte wirklich gut, besser als es aussah, bedenkt man, wer der Schöpfer war.

Angetrieben von Kaffee und Frühstück entschloss ich mich am Monolog teilzunehmen.

Es folgte eine erste und charakterändernde Reise durch England und Wales. Die vielen kleinen Straßen, alten englischen und walisischen Häusern, begleitet von Schafen und frischer Luft.

Fortsetzung folgt.