Beim Schreiben des Tagesberichtes zu Tag 3, dass muss ich anmerken, liege ich noch im Bett und genieße meinen ersten Kaffee. Motorradfahren bei Hitze schlaucht dann doch etwas stärker als gedacht, vor allem in meinem bereits sehr hohen Alter.

Die ersten Kilometer des Tages 3 verliefen etwas schmucklos, ich musste eine Autobahn nutzen, um eine am Vorabend ausgedachte Route entlang der Ostseeküste nutzen zu können. 

Als ich endlich die gewünschte Abfahrt erreichte, war ich froh über die Abkühlung des Waldes, durch den ich fuhr.

An dieser Stelle möchte ich den Ducati Entwicklern ganz herzlich für die Arbeit am Fahrwerk der Desert Sled danken. Der wohl ursprüngliche Entwicklungsgedanke einer Enduro bzw. eines kleinen Urbanreiseenduromaschinchens ist geglückt. Ohne dieses Fahrwerk hätte ich am Abend mit einem Bandscheibenvorfall ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, denn meine Route enthielt überwiegend Straßen aus der Vorzeit des modernen Straßenbaus. Als ich über diese Straßen wippte und holperte, musste ich unweigerlich an Irland denken, welches ich 2006 mit einer KLV 1000 bereiste. Auch damals kam das Fahrwerk an die Grenzen.

Jedoch hatte meine Route einen Vorteil. Ich begegnete fast keinen Autos. Ich durchfuhr eine teilweise unwirklich erscheinende Welt, mit skurrilen verschlafenen Örtchen, an denen wiederum Artefakte menschlicher Ingenieurskunst zu finden waren.

Entspannt erreichte ich ein erstes kleines Ostseehäfchen und genoß einen Kaffee. 
Die Weiterfahrt durch die Nichtsnis gestaltete sich durch die abgekühlte Luft sehr angenehm.

Ein weiteres Gewitter stellte sich mir in den Weg, weshalb ich meine Fahrt beschleunigen und mein Tagesziel neu ausrichten musste.

Kolberg erreichte ich am frühen Abend, nach einem Straßenkampf mit einigen verrückten polnischen Autofahrern, die es wohl nicht anerkennen wollten, dass ich mit einem Motorrad auch zu den Verkehrsteilnehmern gehöre.

Dem Tode (ich übertreibe gern) entronnen, schlenderte ich am Abend gemeinsam mit den flanierenden Menschenmassen auf der Strandpromenade Kolbergs.
Ja, ich war überfordert, die vielen Touristen verunsicherten mich. Ich komme mit sowas nicht zurecht. Es ist mir zu viel.

Ich floh in eine kleine Gaststätte etwas entfernt vom Strom gelangweilter, sonnengepeinigter Urlauber, und erhielt, wie immer, deshalb weniger überraschend, ein tolles und wohlschmeckendes Abendmahl. Der nette Ober empfahl mir Wildschweinbraten und einen Weißwein. 

Alles war gut. Unter Einfluss des alkoholischen Kaltgetränkes waren die Touristen (ich weiß, dass ich auch einer bin, sehe mich aber doch als Abenteurer oder Handlungsreisender…. kleiner Scherz) erträglich.

In irgendeinem Kiosk ergatterte ich mitten in der Nacht noch ein weiteres Fläschchen und ließ den Tag mit dem Blick auf die nicht sichtbare Ostsee (es war dunkel) ausklingen.

… am nächsten Tag

Ich brauchte einen Tag Pause. Ich möchte es noch direkter ausdrücken. Mein Arsch brauchte eine Pause. Sicher hatte Ducati es mit der Desert Sled geschafft ein schönes leichtes Krad zu bauen. Da ich aber über Jahre keine Tour gefahren bin und auch sonst nur sehr wenig zum Fahren komme, war ich es einfach nicht mehr gewohnt größere Strecken ohne einen schmerzenden Hintern zurückzulegen.

Also Pause. Nützt ja nichts. Ostsee war ja da.

Nach dem Verzehr des Muntermachkaffees schlürfte ich zum Fahrstuhl des neu errichteten Apartmenthotels in Kolberg, von welchem ich die wunderschöne Ostsee nun auch sehen konnte. Wie erwartet hatte sie die Farbe blau. 

Die Ducati stand noch vor dem Hotel, ich war erleichtert und konnte mich auf die Suche nach Essbarem machen. Ich musste ich dazu, gemeinsam mit ca. ALLEN MENSCHEN DER WELT, auf der Promenadenstraße bewegen. Ein Überholen der einzelnen Personen und Personengruppen war höchst gefährlich, da man sich die Promenade mit Radfahrern teilen muss. Die Radfahrer wiederum hatten es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht, einzelne jedenfalls, träumende Urlauber durch Klingeln aufzuschrecken.

Ich erreichte ein kleines Café, direkt an der Promenade, wo ich eine Vitaminbombe und einen Cappuccino bestellte. Natürlich gab es auch Toast und Ei, ich bin ein Mann.

Die Idee, nach dem Frühstück am Strand spazieren zu gehen, verwarf ich nach ca. 100 Metern. Wiederum hatten ALLE Menschen genau diesen Ort gewählt. Es war mich nicht möglich entspannt am Wasser zu spazieren. Spielende und sandburgbauende Kinder waren noch die geringste Herausforderung. Vielmehr hatte ich das Gefühl ferngesteuerten Erwachsenen zu begegnen, magisch angezogen vom Wasser. Ich bahnte mir den Weg durch die Handtücher, zurück zur Promenade und entschloss mich dort den Hinweisen meiner Mutti (Mutter klingt so herzlos)zu folgen und die Altstadt zu erkunden.

Kolberg ist entlang der Haupttouristenwege sehenswert. Alles ist auf Hochglanz poliert, viele Restaurants, Geschäfte und kleine Cafés sind zu finden. Begibt man sich jedoch ins städtische Hinterland verändert sich der Anblick völlig. Der Schein weicht der Realität.
Neubaublöcke, ähnlich den mir bekannten aus Leipzig Grünau, bestimmen das Bild der Stadt. 
Trotz dessen mag ich genau diese Atmosphäre, man sieht die normalen Einwohner, lernt das Land und die Stadt richtig kennen. 
Auch die Altstadt, das Zentrum, wird gesäumt von sehr hohen, ich glaube 16 Geschosse, Wohnblöcken. Als Hafenstadt an der Ostsee hat es auch Kolberg im Krieg sehr hart getroffen.

Zurück am Hafen sah ich ein Kriegsschiff der polnischen Marine, wie es langsam in den Hafen fuhr und anlegte. Die Situation wirkte surreal, inmitten der unzähligen Urlauber einen solchen Ausdruck militärischer Stärke zu finden.

Der Strand leerte sich gegen Abend. Mit einem Bier wiederholte ich den Versuch entspannt am Wasser spazieren zu gehen. Es glückte.

Ich genoß den Sonnenuntergang am fast menschenleeren Strand. Es war schön.